Aufruf
In der Welt aber nicht von der Welt. Heimat oder Exil. Jerusalem oder Babylon.
Es muss ihnen das Herz gebrochen haben, als man ihnen die Kinder nahm. Die Eltern von Daniel, Hananja, Mischael und Asarja (später Schadrach, Meschach und Abed- Nego genannt) hatten wahrlich schon genug gelitten. Der forcierte Wegzug aus Jerusalem nach Babylon war ein Alptraum gewesen. Und nun noch dies! Dabei hatte der Prophet Jeremia vor kurzem aus der Heimat geschrieben, dass Gott der Herr Gedanken des Friedens und nicht des Leidens habe. Dass ER, wer IHN anruft, erhört und sich von allen, welche IHN von Herzen suchen, finden lässt (Jeremia 29,11-12).
Der Schock des Lebens
Was ihnen Jeremia sonst noch mitteilte, hatte sie schockiert: Sie würden erst in siebzig Jahren wieder nach Jerusalem zurückkehren. Es sollten siebzig Jahre vergehen, bis Gott ihre Gebete erhört. Wie nur konnten sie Gott darin verstehen? Wer Gott anruft, darf doch ein schnelles Eingreifen erwarten – nicht aber ein ganzes Leben des Ausharrens. Nun erwartete sie siebzig Jahre Wartezeit, bis ihr Herzenswunsch der Rückkehr aus dem Exil in die Heimat erfüllt werden sollte. Unglaublich! Viele würden bis dahin gestorben sein. Sie würden das Eingreifen Gottes nicht mehr selbst erleben. Das konnte es doch nicht sein! Aber so war es: Gott erhörte ihre Gebete – nur anders, als sie es sich erhofft hatten.
Ein neuer Fokus
Aus dem Brief des Jeremiah merkten sie, dass Gott den Fokus verändert hatte (Jeremia 29). Als Strafe für ihre Gottlosigkeit hatten sie ins Exil gehen müssen. Und nun gab ihnen der Herr in Babylon einen Auftrag: Häuser bauen, Gärten anpflanzen, Kinder haben – sich assimilieren. Fertig mit dem Selbstmitleid. Fertig mit der Unzufriedenheit und dem behelfsweisen Einrichten in der Fremde. Nun hiess es, sich auf positive Weise auf das Bleiben einzulassen, für sich zu sorgen, Eigenverantwortung zu übernehmen – und sich zu integrieren. Sie sollten für Babylon beten und das Wohl der Stadt suchen. Nur mit dem Wohlergehen der Stadt würde es auch ihnen gut ergehen. Welch eine Herausforderung! In der neuen Welt leben – und sich auch eingeben. Sie waren nicht von dieser Welt, aber Gott hatte sie in diese Welt der Babylonier gesandt.
Ein besonderer Auftrag
Dass ihnen nun Gott auch noch ihre Kinder nahm, verstanden sie erst viel später. Es dauerte Jahre, bis die Eltern der vier Buben begriffen, dass Gott wirklich Gedanken des Friedens und nicht des Leidens hatte. Es erfüllte sie mit Stolz zu sehen, dass ihre Söhne zu den höchsten Ämtern im Lande aufstiegen: zum Wohle der Stadt – und zu ihrem eigenen. Und um Gott zu verherrlichen. Die Geschichten rund um Daniel und das Volkes Gottes im Exil, werden uns auf die Osterzeit hin begleiten. Sie fordern uns heraus. So wie Gott die Juden nach Babylon, so hat der Vater Jesus und Jesus uns in diese Welt gesandt – ohne von dieser Welt zu sein. Geeint: damit die Welt erkennt, wer Gott ist! (Johannes 17). Lasst uns unsere siebzig Jahre nutzen!
Frohe Ostern!
Hansjörg Leutwyler
